Erinnerungen des Neffen „Emil" an seinen Maler-Onkel Hermann W. Schäfer

Konrad Allgayer

Hermann W. Schäfer starb im Oktober 1936. Da war ich, sein Neffe, der hier seine Erinnerungen an den Onkel aufgezeichnet hat, sieben Jahre. Dies erfordert Rückbesinnen über 70 Jahre hinweg. Dabei gesellen sich im Gedächtnis Eindrücke unmittelbarer Begegnungen zu Bildern, die ich mir aus anderen späteren Erlebnissen, aus Berichten und Erzählungen von dritter Seite habe machen können, aber vor allem aus dem jahrzehntelangen alltäglichen Voraugenhaben von Vielem, Vielem seines künstlerischen Schaffens. Beides, das unmittelbar Erlebte und das darüber hinaus gewonnene Bild, vermischen sich unvermeidlich in meinen Aufzeichnungen. Dafür bitte ich beim Leser um Verständnis.

 

Man kann sich nicht an das erinnern, was mit einem im Mutterleib kurz vor der Geburt geschieht. Aber es war meine erste Begegnung mit Hermann W. Schäfer. Damals nämlich, im August 1929, hatte er seine Schwester Gertrud, meine Mutter, weil's pressierte, eiligst per Hanomag, dem Volks-Mini der 1920er Jahre (Von ihm wird später noch wieder die Rede sein!), von Vallendar nach Koblenz zur Entbindung zu bringen. Mein Vater war wohl beruflich unterwegs und im Vor-Handy-Zeitalter so schnell nicht herbeizuholen.

 

Einige Tage später notiert dann mein Onkel in seinem Skizzenbuch in zwei Spalten zur „Ein- und Ausfuhr im Hause am 25.VIII.29" u. a. unter Einfuhr „Emil (3,5 kg) . . ." und unter Ausfuhr „Nachtruhe, Gemütlichkeit . . . ". Dass ich einerseits dem Onkel mit meinem Säuglingsgewicht imponiert, andererseits mit meiner Einfuhr ins Haus seine Nachtruhe und Gemütlichkeit gestört habe, auch daran habe ich selbst naturgemäß keinerlei Erinnerungen. Es zeigt aber bereits die wohlwollend-skeptische Position des eben gewordenen Onkels gegenüber dem frischen Familienzuwachs.

 

Aber auch Begegnungen mit dem Maler-Onkel in meinen weiteren Lebensjahren sind mir weitgehend nur bruchstückhaft noch im Gedächtnis. Das ereignete sich immer wieder in Vallendar, wo er im elterlichen Haus bei seiner Mutter, meiner Großmutter, lebte. Ich war dort wegen der hochgeschätzten großmütterlichen Verwöhnung immer gern zu Besuch. Ebenso genoss der Sohn die mütterlich-liebevolle Umsorgung in seinem „Nest", wie er es nannte. Dass er den Dank mit einem Portrait der pfeiferauchenden Mutter (Das hatte sie vom Sohn übernommen!) ausdrückte und mit „Unsere alte Wildsau für Allgayers zu Weihnachten 1934" unterschrieb, entsprach seiner jegliche Sentimentalität scheuenden Art.

 

Mir klingt es aber heut' noch in den Ohren, wenn sein „Emil, komm 'mal her!" dann durchs Haus schallte. (Ob es nur spaßhaft gemeint war oder eine ernsthafte Abneigung gegen meinen Vornamen Konrad: Hermann Schäfer nannte seinen Neffen lieber Emil.) Mir klang dies zwar damals recht streng und respektheischend. Es war aber wohl eher onkelhaft liebevoll gemeint.

 


Denn Interesse am und Sorge um den Neffen „Emil" werden auch aus Briefen an seinen Vater Wilhelm Schäfer deutlich, so im Februar 1932: „Emil haben wir noch hier, er hat einige Zeit an einer Grippe herumgewürgt, jetzt macht er sich und die Anwesenheit eines großen Mannes im Haus tut ihm sichtlich wohl, Pfeife, Grammophon, Werkzeug und laute Stimme imponieren doch änderst als so eine Großmutter."

Oder im Sommer desselben Jahres - „Emil" ist mit Eltern zu Besuch beim Vater/Großvater -:„... schießt Konrad ordentlich ins Kraut? Auf meinen Neffen bin ich einigermaßen gespannt, nachdem seit Wochen Gertrud (d. i. seine Schwester u. die Mutter) in allen Briefen über seine wachsende Lausbübischkeit sich entsetzt. Ja, das ist eben wohl der bekannte demoralisierende Einfluss aller Großväter."

Zu dieser Zeit konterfeit der Onkel den Neffen dann auch in den laufend geführten Skizzenbüchern.

 

Dabei tut er sich sichtlich schwer, dem gerade zwei Wochen alten Säugling „Emil" 1929 bereits Ansehnliches abzugewinnen. Das bessert sich aber dann schon sichtlich beim en-face-Abbild vom Anderthalbjährigen 1931, um ein Jahr später zu einem geradezu schmeichelhaften Profil-Portrait zu gedeihen.

Der heranwachsende Knabe, fürbass marschierend in kariertem Mantel und mit Hut, ist dann eine der Farbstift-Zeichnungen des Onkels 1933 zu einem Märchen- und Geschichten-Buch.

 

Diese für den Neffen illustrierte und von der Großmutter für den Enkel getextete und handgeschriebene Moritaten- und Märchen-Sammlung blättere ich mich erinnernd auch heute noch immer wieder einmal durch und höre in Gedanken die Erzählerin.

Ein Jahr später wollte der Onkel dem „Emil" wohl rechtzeitig Chancen und Risiken von Verkehr und Reisen vor Augen führen. Dazu entstand eine Serie von kolorierten Federzeichnungen vom Fahrrad über Motorrad, „Hanomag" ,Auto, Omnibus, Trambahn, Eisenbahn, Schiff bis zum Flieger, jede mit eigens gereimten und geschriebenen Vierzeilern erläutert und dann als Heft gewidmet „Dem Neffen Emil, auch Konrad genannt dieses Bilderbuch zu seinem 5. Geburtstag gemalt und geschrieben von seinem Onkel Hermann".

 

Fast alle Bilder kann ich heute noch in Gedanken laienhaft nachzeichnen und manche von den Versen dazu auswendig, so z. B. - beides ganz zeitgemäß - „Alle naseweisen Knaben - wollen ein Motorrad haben. - Haben sie eins, O großer Schreck, - alles läuft vor ihnen weg!" oder „Wenn man auf die Dörfer muß, - fährt man mit dem Omnibus. - Er ist groß und dick und rot - und fährt laufend Hühner tot." Erst die Illustrationen lassen die für sich banal klingenden Verse zum Bilderbuch werden.

 

In Frankfurt am Main, dem Wohnort der Allgayers mit Sohn Konrad in den 1930er Jahren, besuchte der Bruder öfter Schwester mit Schwager und Neffen. Manches Mal kam er - um so aufregender für „Emil"- per Automobil. Dies hatte dann ein befreundeter und wohlgesinnter Autobesitzer Hermann W. Schäfer zur Benutzung überlassen oder er hatte es sich gemietet. Denn er war ein leidenschaftlicher „Auto-Fan", wie man es heute nennt. In seinem kurzen Leben blieb ein eigenes Auto jedoch ein Wunschtraum.

Hermann W. Schäfer hat stattdessen seinen Wunschtraum Auto unzählige Male gezeichnet und gemalt. Der „Hanomag" - ein Exemplar davon, das sein Schwager Allgayer zur Verfügung hatte, konnte auch er hier und da benutzen - verkörperte für ihn nicht das Idealbild von Automobil, sondern allenfalls ein mangels Besserem zu nutzendes Fortbewegungsmittel. Sein Traumbild war das schnittige, nach damaliger Designvorstellung gestylte Cabriolet. Je länger die Kühlerhaube, umso höher vermutete man darunter die wirksamen PS. Im schon erwähnten Bilderbuch über die verschiedenen Verkehrsmittel hat dies Gestalt angenommen.

Der Schluss des darunter geschriebenen Vierzeilers spricht für sich: „ . . . Meist ist der Mann, der darin fährt, viel weniger als der Wagen wert!". Auch hier gibt Hermann W. Schäfer wie sonst immer wieder dem künstlerischen Thema seinen gesellschaftskritischen Akzent.

 

Die Autorennen auf dem damals gerade fertiggestellten Nürburgring und auf anderen damaligen Rennstrecken - Neroberg in Wiesbaden, Solitüde bei Stuttgart, Klausenpass in der Schweiz u. a. - hat mein Onkel wenn irgend möglich als Zuschauer besucht. Ihn interessierten als Motive nicht nur die Rennwagen, sondern in all seiner Buntheit auch das ganze Drumherum der Veranstaltungen, die Zuschauerscharen auf den Tribünen wie die, die an der Piste auf den Böschungen kampierten, die wehenden Fahnen und Transparente. Ich war noch zu klein, um daran unmittelbar teilhaben zu dürfen. Ich kann mich aber an seine Erzählungen davon erinnern, und auch heute noch begeistern mich seine zahlreichen Bilder, mit denen er die Rennatmosphäre so treffend eingefangen hat.

 

Wie und wann solche und die vielen anderen Arbeiten entstanden sind, das miterlebt zu haben kann ich mich bewusst nicht erinnern. Sicher bin ich aber als kleinster Bub manches Mal zwischen den Beinen meines malenden Onkels hin- und hergewuselt und habe dadurch wohl nicht zu einem optimalen Arbeitsklima beigetragen. Wenn ich in den letzten Jahren vor seinem Tod mit mehr Aufmerksamkeit mich in unserer Wohnung in Frankfurt oder beim Besuch in Vallendar umsah, hingen dort neue Bilder. Ich denke nur beispielhaft an die Schiffschaukel, die Schießbudendame, das Fort Helfenstein, den auf der Schweinsblase geigenden Clown, das Komplette Selbstportrait und dann - mich nach seinem Tod besonders beschäftigend - unvollendete Arbeiten wie Die pausierenden Eishockeyspieler oder Das Stillleben mit den Schistiefeln und den lila Tulpen.

Ob ich davon die einen mehr mochte und andere weniger, vermag ich im ganzen gesehen kaum zu sagen. Wahrscheinlich ordneten sich alle diese Bilder nach und nach unbemerkt in meine alltägliche gewohnte Umgebung ein, zumal nach dem Tode meines Vaters 1941 das Haus in Vallendar auch mein Domizil wurde.

 

Eine wichtige Rolle im Leben meines Onkels, der sonst keine Sportarten betrieb, spielte das Skilaufen. Nicht nur sein viel beachtetes Selbstbildnis im rotkarierten Skihemd, auch viele andere Bilder und Skizzen befassen sich mit diesem Sport. Er wollte dafür auf Dauer einen festen Ort haben und hatte sich daher 1933 zusammen mit seinem Vater eine kleine hölzerne Unterkunft in Oberjoch im Allgäu, die Christophorushütte, geschaffen. Er hat die Hütte nur noch drei Winter nutzen können, meist zusammen mit seiner langjährigen Partnerin Hedwig Bauer, die dann leider nicht mehr seine Frau werden konnte. Seine Arbeiten in diesem Zusammenhang, sein Hüttensegen mit dem symbolhaften, gespenstisch anmutenden Abbild des Heiligen, der als Christkind den Vater Wilhelm Schäfer geschultert hat, und mit dem Schriftzug CHRISTOPHORUSHÜTTE, ebenso aber die Portraits der Hedwig Bauer, haben für mich intensiven erinnernden Bezug. Denn die Christophorushütte war auch für meine Eltern mit mir jahrelang regelmäßiges Feriendomizil, vielfach nach meines Onkels Tod weiterhin gemeinsam mit Hedwig Bauer. Der Hüttensegen war dabei vertrauter täglicher Anblick. Ich bin dankbar, dass er aus der nicht mehr existierenden Hütte noch vorhanden ist.

 

Unvermeidlich folgt die Erinnerung an den Sommer 1936, als mich als Kind die Nachrichten meiner Eltern betroffen machten, der Onkel Hermann liege sehr krank in Vallendar, sein Zustand verschlechtere sich und die Ärzte seien ratlos. Man verspreche sich Heilung durch Entfernung eines Tumors im Gehirn, einer damals noch wenig geläufigen Operation, die allein in Würzburg erfolgen könne. Die Verlegung des Schwerkranken erfolge - wie damals üblich - im an einen Zug angekoppelten Krankenwaggon. Etwas Hoffnung gab dann die Meldung von der geglückten Operation, der aber am nächsten Tag die Todesnachricht folgte. Ich erinnere mich, dass ich es gar nicht verstehen konnte und wollte, es gibt den Onkel Hermann nun nicht mehr. Die kindliche Seele versucht sich wohl dadurch vor dem Trauern zu schützen.

 

Ich will aber lieber mit zwei schönen Erinnerungen schließen:

Wohl 1935 stand unter dem im Kerzenlicht strahlenden Weihnachtsbaum ein kleines Kasperle-Theater: Zwei wegklappbare Seitenteile stützten das Vorderteil mit Bühnenausschnitt. Vor diesem war ein Vorhang zugezogen, auf dessen zwei Hälften mit farbiger Kreide Teufel und Hexe gemalt waren (Die beiden Vorhangteile gibt es bis heute!). Onkel Hermann hantierte hinter seinem Werk, zog an einer Schnur den Vorhang zur Seite und ließ im wahrsten Sinne des Wortes die Puppen spielen. Die hatte er nicht selbst gemacht, sondern auf dem dafür bekannten Weihnachtsmarkt am Frankfurter Römerberg erstanden: Kasperle, Teufel, Großmutter und Edelmann. Die Freude war übergroß. Es gab in den folgenden Jahren mit einem größer werdenden Ensemble immer neue Spielzeiten und Premieren, die der Theatergründer leider nicht mehr miterleben durfte.

 

Ungewollt in Verlegenheit gebracht habe ich meinen Onkel wohl bei folgender Begebenheit: Ich kränkelte in meinen Kindertagen oft, musste, meist in der Winterzeit, das Bett hüten, war wenig umgänglich und brachte meinen Eltern Sorgen und Probleme. Das war auch einmal Anfang Dezember, weil der Knabe an dem sonst üblichen Nikolausauftritt gemeinsam mit Nachbarskindern nicht teilnehmen konnte. Ich war wohl bereits nicht mehr voll nikolaus- und weihnachtsmanngläubig, spürte die Verlegenheit der Eltern und war gespannt, ob und wie nun der Nikolaus bei mir am Krankenbett auftreten würde. Der erschien auch wirklich, bestens kostümiert und mit Riesen-Wattebart, Rute und Sack. Mit verstellter Stimme erteilte er seine auf den Knaben allzu persönlich gemünzten Vorhaltungen und Ermahnungen. Das machte mich stutzig und ließ mich genauer auf die Stimme hören und die nicht durch Bart und Mütze verdeckte Partie von Gesicht und besonders von Nase und Augen mustern. Dann platzte es aus mir heraus - Schließlich war mir Ehrlichkeit als Gebot im Umgang anerzogen worden! - : „Nikolaus, Du siehst ja aus wie mein Onkel Hermann!" Eltern und Nikolaus schoben sich kommentarlos aus der Tür. Erst Jahre danach ist mir bewusst geworden: Diesmal war mein Onkel mit all seinen großen Talenten zum Kostümieren und Schauspielern nicht angekommen. Leider konnte ich mit ihm darüber nicht mehr sprechen.